Alpiner Basiskurs im Fels und Eis

 

Infiziert von unserer ersten Hochtour zum Similaun, im Herbst 2011, war uns klar, dass wir noch weitere solcher beeindruckenden Hochtouren unternehmen möchten. Da wir noch recht wenig Erfahrung im Umgang mit Steigeisen, Eispickel, Eisgeräte und dem ganzen "Gedöns" hatten, waren wir uns sofort einig, bei einer der besten Bergschulen einen Grundkurs mit zu machen.

Somit buchten wir bereits im Februar 2012 bei der Bergschule OASE einen dieser vielversprechenden Kurse, die sie in ihrem umfangreichen Angebot hatten.

 

1. Tag - 12.08.2012

 

Am 12.08.2012 packten wir unsere komplette Bergsteigerausrüstung, die wir uns in den letzten zwei Jahren angeschafft hatten, ins Auto und fuhren bei strahlendem Sonnenschein ins Kaunertal.

Bereits Nachmittags um 13:00 Uhr hatten wir unser Basislager, das Gepatschhaus (1928 m) erreicht. Noch bevor wir unser Gepäck in unser Schlafquartier hinauf trugen, konnte ich dem süßen Duft des Apfelstrudels nicht widerstehen. "verdammt, wor der guat"

 

Nach dieser prächtigen Stärkung und der Belagerung unserer Schlafkammer, erkundeten wir noch kurz den Klettergarten "Fernergries"

Hier befinden sich Kletterrouten zwischen dem III und VII Schwierigkeitsgrad. Somit war unsere Vorfreude auf den kommenden Tag in diesen Wänden sehr groß.

 

Kurz vor dem Abendessen, so gegen 18:00 Uhr, trafen wir auch unseren Bergführer "Erwin", der uns dann noch unserer Gruppe vorstellte. Diese Gruppe umfasste die Mindestanzahl von vier Personen, die nötig war, um diesen Kurs überhaupt anbieten zu können. Ausgeglichener konnte die Gruppe nicht sein, denn diese bildete sich aus zwei Frauen und zwei Männer (Julia, Andrea, Ingo und Marcus). Doch hierzu später noch mehr.

 

In der Küche lagen unsere Schnitzel bereits schon in der Pfanne, doch Erwin zog die Geräteausgabe der Essensausgabe vor. Dies hatte auch berechtigterweise seine Begründung. Die übergroßen und fabelhaft schmeckenden "Elefantenohren" lagen uns so schwer im Magen, dass wir uns von dem reichhaltigen "Tischlein deck dich" nicht so schnell hätten wieder erheben können. In geselliger Runde kamen wir uns bei gutem Rotwein und Hopfentee noch etwas näher, ja wir tauten sprichwörtlich richtig auf, erzählten, lachten und suchten erst etwas später unseren Schlafraum auf, um am darauf folgenden Tag fit und ausgeruht in die Kletterwand einzusteigen. 

 

2. Tag - 13.08.2012

 

Nach einer schlaflosen Nacht, schlappte ich in Trance hinunter zum Frühstück. Dieses gab mir aber dann wieder so viel Kraft, dass ich zusammen mit den anderen erwartungsvoll und mit großer Vorfreude für das Felsklettern, hinunter zum Klettergarten "Fernergries" marschierte. Da jeder noch mit dem wach werden zu kämpfen hatte, so wurde man neben den Gedanken, was Erwin wohl heute so alles mit uns anstellen wird, nur von dem Gebimmel der Kuhglocken begleitet, das in den verschiedensten Tönen über den Morgentau der Weideflächen in unsere Ohrmuscheln drang. Noch bevor die ersten Sonnenstrahlen unsere "Bleichgesichter" erwärmten, standen wir mit angeschnalltem Hüftgurt und kompletter Bergsteigerausrüstung vor der Wand.

Bevor wir aber die ersten Meter in die Vertikale machen konnten, gab es eine Einweisung "Gehen im Felsgelände". Da es unser Bergführer Erwin ja schon mit gut vorbereiteten "Halbprofis" zu tun hatte, stellte dies für uns kein Problem dar, und Erwin präparierte für uns die erste Kletterroute. An dieser konnten wir dann alle unser Können unter Beweis stellen. Wenn auch einer in unserer Gruppe, der mit fast nichts an Ausrüstung von Moskau über Berlin nach München flog, sich in dieser Großstadt innerhalb von zwei Tagen in einem der größten Sportbekleidungs-Shops eindeckte, was man für einen solchen Alpinen Basiskurs im Fels und Eis halt so benötigt, recht schwer tat, so konnte ihm Erwin die Grundlagen im Felsklettern doch recht schnell beibringen. Schon nach kurzer Zeit bewegte er sich elegant wie eine Gazelle (oder wie heißt das Tier mit dem langen Rüssel) durch die Felswände. Auch unser  liebes "Küken" in der Runde, die Julia, konnte uns mit ihrem sehr geschmeidigen und flüssigem Kletterstil sehr beeindrucken. Ja, da müssen Andrea und ich noch kräftig üben.

Neben dem reinen Klettervergnügen zeigte uns Erwin die unterschiedlichsten Sicherungstechniken. Selbst bei den Knoten gab es noch jede Menge, bei denen wir schon überfordert waren, dessen Namen überhaupt merken zu können.

Man unterscheidet nach den verschiedenen Anwendungsbereichen:

  • Anseilknoten
  • Knoten zum Knüpfen von Bändern und Reepschnüren zu Schlingen
  • Knoten zur Selbstsicherung
  • Knoten zur Partnersicherung
  • Seilverbindungsknoten
  • Klemmknoten
  • Absicherungsknoten

Immer wieder wurde diese Vielzahl von Knoten geübt, und man vergaß komplett die Zeit. Bevor wir aber in den Genuss des wohlverdienten Apfelstrudels kommen konnten, lies uns Erwin noch zwei Selbstrettungsmethoden basteln. Als erstes knüpften wir uns eine "Prusikschlinge" mit der wir uns in mühseliger Arbeit Zentimeter für Zentimeter hocharbeiteten. Mit Gedanken schon viel mehr beim Apfelstrudel, konstruierten wir dann aber noch die "Selbstseilrolle". Nach diesem lehrreichen und sehr informationsreichen Tag ging es im Schlepptau mit ein paar Ziegen Richtung Gepatschhaus zurück.

 

3. Tag - 14.08.2012

 

Ein Sprichwort sagt "wie bekommt man die Kuh vom Eis?" Heute wollen sie nicht runter, sondern rauf. Denn heute wurden wir vom Erwin in die Gletscherkunde eingewiesen. Bevor man die ersten Gletschertouren angeht, ist es gut, wenn man vor der ersten Eistour schon bergsteigerische Erfahrungen gesammelt hat. Von diesen hatten wir vom Vortag noch reichlich und so stampften wir gemeinsam zum Gepatschferner. Am Gletschertor angekommen, setzten wir die ersten Schritte noch ohne Steigeisen sehr behutsam auf das Eis. Bedingt durch das leichte Gefälle, ist es ratsam, das "Gedöns" und das mitgeschleppte Hab und Gut sicher zu fixieren, da es sich sonst auf nimmer wiedersehen verabschiedet. Diese Erfahrung musste allerdings einer aus unserer Gruppe schmerzhaft miterleben, als er seine Utensilien rund um seinen Rucksack ausbreitete. Ehe er sich's versah, setzte sich seine auf dem Gepatschhaus frisch gezapfte 1,5 Liter Wasserflasche in Bewegung und sauste mit hohem Tempo den Eishang hinunter und versank in den tosenden Wellen des Gletscherflusses. Somit war die erste Lektion schon mal gelernt :-))

 

Nach den ersten Gehversuchen mit den Steigeisen auf dem Gletscher, suchten wir uns eine geeignete Gletscherspalte, an der wir die Spaltenbergung trainieren konnten.

Nachdem wir uns mit drei Eisschrauben eine sehr gut abgesicherte Reihenverankerung gelegt hatten, galt es, jemanden in die Spalte abzulassen. Bevor sich Ingo dessen bewusst war, hing er gut gesichert, bereits drei Meter unter der Eiskante. Wir vernahmen noch seine Worte "warum tu ich das, hat mich eigentlich jemand gefragt, ob ich das überhaupt möchte" bevor ihn die Gletscherspalte völlig verschluckte. Bevor ihm aber so richtig kalt wurde, hatten wir ihn mit der LOSEN ROLLE auch schon wieder befreit.

Diese Art von Bergung wird angewendet, wenn der Gestürzte noch aktionsfähig ist.

 

 

Erst als diese Technik von jedem beherrscht wurde, zeigte uns Erwin noch eine weiter Bergungstechnik. Der sogenannte "Express-Flaschenzug" und der "Schweizer-Flaschenzug".

 

Der "Express-Flaschenzug" wird angewendet, wenn der Verletzte aktionsfähig ist und unterstützend mithelfen kann.

 

Der "Schweizer-Flaschenzug" wird angewendet, wenn der Verletzte nicht mehr in der Lage ist mitzuhelfen, oder wenn nicht mehr genügend Seil für die "LOSE ROLLE" zur Verfügung steht.

Quelle: Lehrbuch Bergsteigen

Nachdem jeder von uns einmal in die Spalte abgelassen und natürlich auch wieder geborgen wurde, kam noch ein besonderes Highlight auf uns zu. Das Klettern im Steileis. Auch hier wurden wir wieder gut gesichert in eine Spalte abgelassen (ca. 12 Meter). Gewappnet mit Steigeisen und zwei Eisgeräten war es nun unsere Aufgabe, uns ohne große Hilfestellung, nur anhand der richtigen Körperstellung, das richtige setzen der Eisgeräte und Steigeisen, uns aus der Spalte zu befreien. Wenn es auch sehr kräftezehrend war, so hatten wir alle einen riesen großen Spaß.

 

 

4. Tag - 15.08.2012

 

Heute steht die Königsdisziplin auf dem Programm. Die Gletschertour zur Weißseespitze (3518 m)

Wie es uns dabei ergangen ist und was wir bei dieser Tour erlebt haben, könnt Ihr nachlesen unter "Tourenbericht zur Weißseespitze"

 

5. Tag - 16.08.2012

 

Da Erwin mit unserer Leistung vom Vortag (Mammuttour zur Weißseespitze) sehr zufrieden war, durften wir heute auch eine halbe Stunde länger schlafen. Aufgrund der schlechten Wettervorhersage hatten wir auch nichts verpasst. Denn nach dem Frühstück fing es dann auch bald an zu regnen. Diese Zeit nutzten wir, um in der gemütlichen Hüttenstube das Kartenlesen mit Kompass zu vertiefen. Denn eine genaue Karte und das Beherrschen des Kartenlesens ist die beste und wichtigste Orientierungshilfe im weglosen Gelände.

Nebenher wurden auch immer wieder die wichtigsten Knoten geübt. Das waren unter anderem:

 

 

 

 

 

 

  • Halbmastwurf
Halbmastwurf
Halbmastwurf

 

 

 

 

 

  • Mastwurf
Mastwurf
Mastwurf

 

 

 

 

  • Doppelter Achterknoten
Doppelter Achterknoten
Doppelter Achterknoten

 

 

 

 

  • Einfacher Spierenstich
Einfacher Spierenstich
Einfacher Spierenstich

 

 

 

  • Doppelter Spierenstich
Doppelter Spierenstich
Doppelter Spierenstich

 

 

 

  • Sackstich
Sackstich
Sackstich

 

 

 

 

  • Ankerstich
Ankerstich
Ankerstich

 

 

 

 

  • Karabiner-Klemmknoten
Karabiner-Klemmknoten
Karabiner-Klemmknoten

 

Als sich dann so gegen 13:00 Uhr die Wolken fast restlos verzogen hatten, machten wir uns wieder auf in den Klettergarten "Fernergries" Hier haben wir nochmals die verschiedensten Abseiltechniken geübt und konnten uns nach Herzenslust in der Wand austoben. Wie herrlich und lehrreich auch dieser Tag war.

 

6. Tag - 17.08.2012

 

Den Vorabend verbrachte unsere Seilschaft in herrlicher Partylaune bis spät in die Nacht auf der Hüttenstube. Wir wollten einfach nicht glauben, dass diese wunderbare Woche sich dem Ende zuneigte. So freuten wir uns mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf den 6. und letzten Tag unseres Alpinen Basiskurses im Fels und Eis.

Während das Kaunertal im oberen Teil noch im Schatten lag, begaben wir uns nochmals zum Klettergarten "Fernergries".

 

Unter fachkundiger Erklärung durch Erwin wurden uns die wichtigsten Einzelheiten im Detail erklärt. Erst als vom vielen Reden Erwins Mund völlig ausgetrocknet war und sich die Felswände durch die ersten Sonnenstrahlen erwärmt hatten, machten wir uns noch an den Klettersteig ran. Um unser Können nochmals unter Beweis zu stellen, legte uns Erwin einen solchen im Schwierigkeitsgrad "F" an. Doch selbst diese Hürde bewältigten wir an diesem letzten Tag mit Bravour. Hier hatten wir noch bis ca. 14:00 Uhr unseren absoluten Spaß, bevor wir dann bei Kaffee und einem weiteren Apfelstrudel diese erlebnisreiche Woche ausklingen ließen. Von unserem immer gut gelaunten Bergführer "Erwin" verabschiedeten wir uns liebevoll mit dem Versprechen, dass wir die "Apfelstrudelseilschaft" uns im kommenden Jahr unbedingt wieder zu einer Hochtour treffen mögen.

Julia und Ingo nahmen wir auf unserer Heimreise noch bis nach Landeck mit, wo wir uns dann schweren Herzens für eine hoffentlich nicht allzu lange Zeit verabschieden mussten.

 

Auf ein baldiges Wiedersehen freuen sich

Marcus (Paul) und Andrea

 

 Hier noch ein paar weiter Bilder von unserem Basiskurs